Dankbarkeitsübungen

Geschichten aus dem Alltag sagen oft mehr als kluge Worte. Neulich las ich eine Solche, die mich sehr berührte.

Ein 92-jähriger Mann beschloss nach dem Tod seiner Frau, ins Altersheim zu gehen. Er wünschte sich für seine verbleibenden Lebenstage Gesellschaft und Austausch. Im Heim musste er lange warten, bis ein junger Mann zu ihm kam und ihm mitteilte, dass sein Zimmer fertig sei. Als der alte Mann das hörte, lächelte er den Mann an und bedankte sich. ...

Als der alte Mann einen Blick in eines der Zimmer erhaschte, sagte er: „Mir gefällt es sehr gut.“ Der junge Pfleger sagte überrascht: „Aber Sie haben doch Ihr Zimmer noch gar nicht gesehen.“ Bedächtig antwortete der Alte: „Wissen Sie, ob ich den Raum mag oder nicht, hängt nicht von der Lage oder der Einrichtung ab, sondern von meiner Einstellung – von meiner Art, wie ich ihn sehen will. Und ich habe mich entschieden, glücklich zu sein. Jeden Morgen nach dem Aufwachen treffe ich diese Entscheidung wieder neu, denn ich kann wählen. Ich kann im Bett bleiben und damit hadern, dass mein Körper dies und jenes nicht mehr reibungslos schafft – oder ich kann aufstehen und dankbar sein für alles, was ich noch kann und habe. Jeder Tag ist ein Geschenk, für das ich dankbar sein will.“

 

Die Dankbarkeit dieses alten Mannes, seine Haltung zu sich selbst und zum Leben rührt und begeistert mich. Ich selbst mühe mich oft, sehe ich doch manchmal eher ein „halbleeres“ als ein „halbvolles“ Glas. Ich sehe eher das, was fehlt, als das, was gut läuft oder gut tut. Aber wie kann ich meine Blickrichtung nachhaltig ändern. Dankbarkeit kann man doch nicht lernen. Oder vielleicht doch?

 

Die Geschichte hat mich veranlasst, einmal über folgende Frage nachzudenken: Auf welche Weise haben andere Menschen eigentlich in meinem Leben dazu beigetragen, dass ich so – mit frohem und offenem Herzen – durch die Welt gehen kann? Und als mir einige solch prägende Ereignisse einfielen, dachte ich, wie schön es wäre, diesen wichtigen Menschen in meinem Leben zu sagen, was für ein Geschenk sie mir gemacht haben. Und ich merke, wie kraftvoll diese Erinnerungen sind und wie gut es sich anfühlt, wenn ich das Leben anderer bereichere oder andere meines. Was für eine Ressource! Und mir wird klar, dass beides gleich schwierig und gleich wichtig ist: Dankbarkeit ausdrücken und Dankbarkeit annehmen. Denken wir doch oft, dass es dem anderen peinlich sei oder dass wir uns verletzlich zeigen, wenn wir unsere Dankbarkeit ausdrücken. Oder wir haben gelernt, dass wir nicht wichtig sind und unsere Handlungen selbstverständlich – nicht der Rede wert. Erst wenn wir im Miteinander Dankbarkeit annehmen und ausdrücken, kann die Kraft, die positive Energie, die davon ausgeht, fließen.

 

Aber wie kann man nun lernen, Dankbarkeit in das eigene Leben zu integrieren? Ich persönlich führe ein Glücks- oder Dankbarkeitstagebuch. Darin halte ich Momente des Glücks fest, nehme mir immer wieder Zeit und zelebriere Dankbarkeit. Morgens nach dem Aufstehen oder in dunkleren Momenten lese ich im Tagebuch und die Erinnerungen geben mir Energie, die ich körperlich spüren kann.

 

Erst neulich schrieb ich in mein Tagebuch: 

13. Dezember 2014:

9.00 Uhr Freundinnenfrühstück mit C.  mit Verbundenheit, Austausch und Humor

15.00 Uhr Winterspaziergang mit S. über den Weihnachtsmarkt erfüllt mir mein Bedürfnis nach Geborgenheit und Zusammenhalt.

Danke!

Anja Voigt

Kommentare: 1 (Diskussion geschlossen)
  • #1

    Maria Zelenay (Mittwoch, 14 Januar 2015 12:12)

    Hallo Anja, danke dir für die Geschichte mit den alten Mann. Ich bin - noch - auch so ein Mensch, der mehr den halbleeren statt den halbvollen Glas wahrnimmt. Aber ich glaube daran, dass man es lernen kann und die eigene Einstellung ändern kann. Ich werde auch darüber nachdenken, welche Menschen und Ereignisse mich bis jetzt geformt und beglückt haben. Und möchte diese Dankbarkeit diesen Menschen mitteilen - das ist wie ein Kreislauf positiver Energie (LIEBE?) Wie das Wasser in der Natur, so bringt Wertschätzung, Zuwendung auch LEBEN hervor. Treffen wir unsere Entscheidungen täglich :-) lieben Gruß :-)