Verurteile nicht, und du wirst nicht verurteilt werden...

In Gesprächen mit Seminarteilnehmern, Klienten oder Freunden erlebe ich häufig, dass jemand sich über das Verhalten einer anderen Person beklagt. Das Verhalten eines anderen war „unmöglich, unkorrekt, lieblos, störend, respektlos, unverschämt, ungehorsam“ oder ähnliches.

 

Marshall Rosenberg zitiert in einem seiner Bücher einen Vers aus der Bibel, der lautet: Verurteile nicht, und du wirst nicht verurteilt werden. Denn wenn Du andere verurteilst, so wirst Du selbst verurteilt werden… (aus dem Matthäusevangelium, Kapitel 7, Vers 1)

 

Eine Kommunikation, die anderen Menschen unterstellt, sie seien falsch, schlecht, faul, selbstsüchtig, verhielten sich unangemessen o.ä. ordnet Marshall Rosenberg den „moralischen Urteilen“ zu und bezeichnet sie deshalb als „lebensentfremdende“ Kommunikation – also als eine Kommunikation, die trennend wirkt anstatt zu verbinden.

 

Worin kann der Sinn liegen, nicht zu urteilen? ...

 

Beurteilend bzw. verurteilend und bewertend kommuniziert wird zwischenmenschlich häufig auf der Ebene der “Identität“ (im Sinne von: du bist…), oder auf einer allgemeinen bzw. generalisierenden Ebene ohne näheren Bezug (dein Verhalten ist unmöglich..) und nicht auf der Strategie-Ebene (Verhalten) im Kontext. Eben diese „moralisch urteilende und deshalb lebensentfremdende Kommunikation transportiert oder signalisiert beim Gegenüber möglicherweise eine Annahme, wie z. B. „ich bin nicht in Ordnung“ und kann sich mindernd auf den Selbstwert auswirken.

 

Eine Sprache, in der wir in „falsche und richtige Menschen“ einstufen, wirkt eher trennend und selbstwertmindernd, als eine Sprache, die nicht davon ausgeht, das mit dem Gegenüber (oder mit mir selbst) etwas nicht stimmt. Analysen von anderen Menschen und die Formulierung dessen, was mit diesen Personen nicht stimmt, ist nach Annahme von Marshall Rosenberg ein mehr oder weniger misslungener Versuch des Ausdrucks unserer eigenen Bedürfnisse und Werte. Andere Menschen durch das Überstülpen von Urteilen in Schubladen zu stecken fördert die Anwendung von Gewalt bzw. kann als die sprachliche Form von Gewalt bezeichnet werden. Verbaler, physischer oder psychologischer Gewalt - sei es zwischen Nationen oder innerhalb der eigenen Familie – geht eine Art des Denkens bzw. eine innere Haltung voraus, die die Ursache eines Konfliktes in dem Fehlverhalten des Gegenübers sieht und nicht in dem Nichterfüllen der eigenen Bedürfnisse und Werte.

 

Gerade in Zeiten, wie z. B. der Advents- oder Weihnachtszeit nehmen wir Konflikte in anderen Nationen/Ländern und deren Auswirkungen als stark belastend wahr. Wir fühlen uns oft hilflos oder auch ängstlich, betroffen oder sind schockiert, von dem was in der Welt geschieht. Verantwortung können wir dort übernehmen, wo wir unsere eigene Sprache reflektieren und ggf. Wahlmöglichkeiten erkennen und lebensentfremdende Kommunikation bei uns selbst identifizieren und ersetzen, in eine Sprache, die uns mit anderen und uns selbst verbindet, uns selbst und andere wieder ganz neu wertschätzt und Frieden und Verständnis füreinander- zumindest schon einmal in der eigenen Familie - stiftet.

 

Euch alle wünsche ich eine gesegnete und friedvolle Advents- und Weihnachtszeit.

 

Herzliche Grüße

 

Claudia Strauss

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